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Bloggerdämmerung - wir veröffentlichen das Netz zu tode

Nachdem ich Anfang des Jahres meinen Meniskus-Riss hatte, habe ich zwar immer mal wieder weitere Themen-Bereiche verfasst, aber mich hauptsächlich auf mehr Reichweite durch Instagram und Youtube konzentriert. Das fand ich eine Zeit lang auch ganz spannend, aber irgendwann hatte ich einen Punkt erreicht, an der ich irgendwie an einer Social-Media-Overdose litt. Immer posten, liken, followen, markieren... Im Mainstream mitschwimmen und versuchen allen zu gefallen.

 

Social Media ist ein unglaublich oberflächliches Medium.

In meinem Freundeskreis bin ich der einzige, der Kraftsport macht. Das bedeutet, dass die Menschen, mit denen ich über die verschiedenen Kanäle interagiert habe, alle durch Postings und Refollowing auf mich aufmerksam geworden sind. Die meisten Menschen dort kannte ich also nur von kurzen Profilbesuchen oder wenigen Worten im Messenger.

Social Media ist ein unglaublich oberflächliches Medium. In diesen Bereich einen gewissen Tiefgang zu bringen, bedarf wirklicher Mühe und aufopferndes Durchhaltevermögen.

Auch, wenn immer davon gesprochen wird, möglichst "real" zu sein, habe ich das Gefühl, dass "real" nicht von "Reality" kommt, sondern ein "fancy word" für Konsistenz ist. Es geht nicht darum, dass der wahre Charakter dargestellt wird, sondern darum, ein möglichst berechenbares Bild abzugeben. Dem fügt man sich meistens auch folgsam, weil man sehr schnell merkt, dass Bilder außerhalb des abgesteckten Themen-Spektrums seines Accounts mit Disfollowing und einem Mangel an Likes bestraft wird. Und wenn wir etwas posten, dann ja zu einem Großteil, um ein möglichst positives Feedback zu erhalten. Am besten auch direkt innerhalb weniger Minuten. Ganz im Sinne der Instant Gratification.

Auf der einen Seite kann ich nachvollziehen, dass, wenn ich jemanden aboniert habe, um leckere Kuchen zu sehen, mich keine stundenlangen Essays über das Sterben der Obertupfinger Waldamsel interessieren. Aber der Mensch hinter dem Account mit den leckeren Kuchen hat auch andere Interessen als cremige Süßspeisen. Er kann sich ja nicht je einen Account für jede seiner Interessen anlegen, um seine Community nicht zu enttäuschen. Ein bisschen provokant ausgedrückt: bspw. 5 verschiedene Freundeskreise einer Person, die sich nicht über den Key-Unique-Selling-Proposition der Freundschaftsbasis hinweg für diese Person interessieren. 

Was lehrt uns diese Behavior in Social Media? Wenn Dich mehr interessiert als das, wofür Deine Follower da sind, dann halt die Fresse oder rede mit Deinen Offline-Banausen darüber. Du musst Dir ein Key-Feature aussuchen und mit dem bist Du dann auf alle Zeit verbunden. Auch, wenn sich Interessen ändern oder sich Schwerpunkte verlagern.

Mit der Zeit kann es so sehr gut vorkommen, dass ein Social-Media Profil, das aus wahrer Begeisterung für ein Hobby entstanden ist und den Charakter hinter dem Account ganz gut darstellt, irgendwann ein verzerrtes Bild zeigt, das aus einem einzelnen Interesse entstanden und aus Pflichtbewusstsein gewuchert ist. Vielleicht ging auch irgendwann komplett das Interesse verloren und der Account schwindet unbeachtet irgendwo vor sich hin.

Wir reden hier nicht (nur) von kommerzialisierten Accounts, sondern (auch) von privaten Personen, die einfach nur ein wenig Online interagieren möchten. Diese Personen erstellen sich keinen Redaktionsplan oder einen Posting-Kalender.

Wirklich "real" sind wahrscheinlich am ehesten die Accounts, die viele Posts und wenig Follower haben. Diese Follower haben dann entweder vergessen zu deabonnieren und wundern sich einfach immer wieder darüber, welcher komische Vogel diese ganzen unzusammenhängenden Beiträge erstellt oder interessieren sich tatsächlich wirklich für den Menschen, der hinter den Fotos und Texten steht. Das sind dann aber oft auch genau die Menschen, mit denen man auch in der Realität etwas unternimmt.

 

Das muss nicht für jeden gelten und vielleicht bin ich mit der Ansicht auch alleine auf weiter Flur. Ich möchte keinen Rant gegen Social Media starten und auch nicht den Untergang des gesellschaftlichen Abendlandes heraufbeschwören. Ich möchte nur die Gründe aufzeigen, die für mich ausschlaggebend waren, meine Social-Media-Präsenz auf ein Minimum zu beschränken.

Ich habe mir Mühe gegeben, den Social-Media-Train zu fahren; das hat für eine bestimmte Zeit auch ganz gut funktioniert. Aber irgendwann wurde mir die ständige Präsenz zu erdrückend.

Jeder Mensch sucht sich in irgendeinem Bereich eine gewisse Bestätigung. Ich habe das Gefühl, dass ich diese Bestätigung in dem für mich falschen Bereich gesucht habe. Social Media Marketing funktioniert sehr stark über Personenkult. Gerade im Fitness- und Lifestyle-Bereich sind Markengesichter unglaublich wichtig. Ich habe irgendwann meinen Fokus verloren, der sich eigentlich auf Dich richten sollte und habe nur noch an Expansion und mich gedacht. Dafür entschuldige ich mich bei Dir. Die Aussicht auf Ruhm und Erfolg lässt Menschen manchmal merkwürdige Dinge tun. Ich denke aber, dass ich noch frühzeitig die Reißleine gezogen habe. 

Was genau will der mir nun wieder verkaufen?

Ein wichtiger Punkt dieser Erkenntnis ist ein verquerter Gedankengang, den ich mittlerweile fast ständig im Netz habe. Wenn ich Informationen über Elektrogeräte, Dienstleistungen oder einfach Produkte des täglichen Bedarfs suche, dauert es nicht lange, dass ich auf eine Seite gelange, auf der irgendein Test stattgefunden hat (oder haben soll) und Person XY Produkt A mit Produkt B vergleicht. Wie belastbar der Test ist, lässt sich meistens schon an der Anzahl der Links erkennen. Affiliate Links zu allen Produkten, im schlechtesten Fall sogar nur zu einem. 

Dass so ein objektiver Test stattfindet, bezweifle ich stark. Es geht nur darum, dass möglichst viele Leute auf diese Produkte aufmerksam gemacht werden.

Das schlimme ist: Ich habe sehr oft das Gefühl, dass es den Schreibern/Erstellern komplett egal ist. Durch welches Produkt nun Geld auf das Amazon Partnernet- oder Google Adsense-Konto gespühlt wird, ist ja letztenendes egal.

Ich denke mir auf jeder Website: Was genau will der mir nun wieder verkaufen? Meistens finde ich es dann sogar relativ schnell.

Überall wird mir etwas angeboten, alles muss vermarktet werden. Es gibt so gut wie keine Blogger mehr, die sich auf das Bloggen konzentrieren, sondern nur noch versuchen, möglichst viel Profit pro Buchstabe herauszuholen.

Das mag in manchen Fällen sogar recht lukrativ sein, für mich geht damit jedoch ein sehr großer Benefit des Internets flöten. Vor ein paar Jahren als Blogging noch nicht Blogging war, sondern einfach nur das Teilen von Gedanken in Textform auf seiner eigenen Webseite, war der größte Anspruch, dass möglichst viele Leute eben diese Zeilen lesen. Es ging darum, seine Meinung kund zu tun und bestenfalls viele "Follower" (Damals: Gleichgesinnte) zu gewinnen. Diese Intention ist heute schon komplett ad perversum geführt. Es wird nicht mehr geschrieben, damit möglichst viele diese Meinung lesen, sondern es wird das geschrieben, was die meisten lesen wollen. Möglichst kurz, prägnant, auf den Punkt, unzureichend ausgeführt. Wirklich weit von den Printmedien ist diese Ansicht mittlerweile auch nicht mehr weg. Dass immer weniger Menschen lange Texte lesen wollen, kommt diesem Zustand natürlich entgegen. Oder wollen immer weniger Menschen lange Texte lesen, weil die Medien alles so komprimiert darstellen? Hühnerei oder Eierhuhn?

Bei dieser kurzfristigen Verfügbarkeit von allen möglichen Informationen und deren blitzschnellem Wandel ändern sich Titelseiten-Überschriften, Bilder und sogar Meinungen eines einzigen Artikels in Minuten. Früher wurde ein Artikel/Blog-Beitrag herausgebracht und stand dann fest. Heutzutage wird immer wieder ein wenig herumgepublisht, nachgepublisht und umgepublisht. Es wird sich selten Zeit genommen, um sich eingehend mit etwas zu beschäftigen.

 

 

Dieser Umstand führt dazu, dass immer schneller immer minderwertigere Artikel auf den Markt (ich habe Markt auf Grund des Sprichwortes geschrieben - eigentlich geht es ja um die Medienwelt - und wollte es wieder Löschen, aber in Anbetracht der Aussage, die folgt, finde ich den Begriff dennoch relativ passend) geschwemmt werden, die nur auf maximale Klick-Zahlen und maximalen Gewinn aus sind. Die Qualität und der Aussagegehalt dieser Beiträge pegelt sich dann irgendwo zwischen 0 und famegeil ein. 

Je mehr Zeit verstreicht, umso mehr Informationen stehen im Netz. Während Du diesen Artikel gelesen hast, wurden bereits hunderte neue Artikel, Blog-Beiträge und Videos veröffentlicht. Es ist so gut wie unmöglich, in dieser ganzen Informations-Wolke irgendwann noch qualitativ hochwertigen Content zu finden. Google kann auch nicht alles. Irgendwann werden auch wirklich tolle Seiten im Nirvana verschwinden. Ganz leise und unbemerkt. 

Ich fände es toll, wenn der Content der freien Blogger und Redakteure wieder an Format gewinnen könnte. In einem Zeitalter, in dem Information das wichtigste Gut ist, sollten wir alle daran arbeiten, dieses Gut entsprechend zu wertschätzen und es nicht für Klick-Zahlen an den Meistbietenden zu verscherbeln. Es muss endlich wieder der Content im Vordergrund stehen und nicht der Ertrag dadurch. Ich bin davon überzeugt, dass auch guter Content stabile Besucherzahlen generieren kann - wenn nicht vielleicht sogar noch mehr als elender Click-bait-content. (Ich persönlich empfinde Click-baits als sehr unbefriedigend und meide entsprechende Anbieter/Seiten, wenn ich einmal darauf hereingefallen bin.)

Garnichts!

Ich möchte Dir nichts verkaufen. Wirklich nicht. Meine Artikel und meine Website sind komplett frei zugänglich und werden auch keine Kaufoptionen erhalten.

Ein großes Anliegen von mir ist es, Dir bei Deinem Vorhaben, dem Abnehmen zu helfen. Ich will da nichts für haben. Wenn ich somit auch nur einem Menschen geholfen habe, dann ist das für mich Lohn genug. 

Natürlich fände ich es schön, wenn ich zumindest diese Website finanziert bekäme. Aus diesem Grund schalte ich Werbung.

Ich habe mir auch bereits überlegt, diese Werbung komplett rauszuwerfen und einen Spenden-Button einzurichten.

 

Aber ist dieser dann wirklich besser? Meinem Empfinden nach, würde ich mit diesem Spendenaufruf nur wieder die Bringschuld zu meinem Leser verschieben. Du sollst auf dieser Seite ohne schlechtes Gewissen surfen, ohne Hintergedanken wie "Oh, jetzt muss ich ihm gleich aber etwas dafür geben." Nein, musst Du nicht. Du musst auch kein übertrieben teures Merch kaufen. Besser wäre eventuell eine Spendenaktion an eine gemeinnützige Organisation, die sich für Menschen, Tiere, Umwelt oder ähnliches einsetzt. Ich werde mir dazu aber noch einmal Gedanken machen. 

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